Was sind eigentlich Basiskompetenzen und warum sind sie so wichtig?
5 Fragen an Dr. Sofie Henschel
5 Fragen an Dr. Sofie Henschel

„Wenn das Fundament nicht stabil ist, wackelt alles, was danach kommt – wie beim Hausbauen“ sagt Sofie Henschel im neuen Kurzinterview 5 Fragen an zum Thema Basiskompetenzen. Lesen, Schreiben und Rechnen sind damit gemeint – aber auch: digitales Verständnis, Kommunikation und Selbstregulation. Diese Fähigkeiten sind die Grundlage für Bildung, Beruf, Teilhabe und Selbstbestimmung. Aktuelle Forschungsergebnisse zeigen, dass die gezielte Förderung in frühen Bildungsinstitutionen, wie der Kita, der Grundschule oder auch der Familie, sich langfristig positiv auf den schulischen Erfolg, die soziale Integration und berufliche Perspektiven auswirken. Warum das so ist und weshalb Basiskompetenzen eigentlich so wichtig sind, erklärt Dr. Sofie Henschel vom Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen im Interview.
Foto: IQB
PT: Ich habe es eingangs erwähnt, Basiskompetenzen sind eine wichtige Grundlage und betreffen unser ganzes Leben. Was sagen aktuelle Studien, wie der IQB-Bildungstrend, über die Bedeutung von Basiskompetenzen – und was zeigt sich in Deutschland, beispielsweise in Hinblick auf soziale Benachteiligung?
Henschel: Ja, Sie haben es am Anfang schon sehr gut erläutert, Basiskompetenzen sind ja so ganz grundlegende Fähigkeiten und Fertigkeiten, die man braucht im Prinzip für alle Formen von Lernprozessen, Entwicklungsprozessen und natürlich auch für den Erwerb von fachlichen Kompetenzen und in dem Zusammenhang auch das Erreichen von bestimmten Bildungszielen. Die sind ja bei uns über die sogenannten Bildungsstandards formuliert, die wir dann im Rahmen der IQB-Bildungstrends beispielsweise am Ende der Primarstufe, also der Grundschulzeit, auch überprüfen, inwieweit werden diese Bildungsziele erreicht. Zum Beispiel ist es im Lesen so, dass man am Ende der Grundschule natürlich altersangemessene Texte verstehen soll, also am Ende des Textes sagen können soll, was habe ich denn da eigentlich gelesen, auch Informationen in dem Text finden soll. Und was wir in den Studien sehen, nicht nur im IQB-Bildungstrend am Ende der Primarstufe, sondern auch in den internationalen Studien wie IGLU beispielsweise oder auch TIMSS ist, dass wir ein insgesamt sinkendes Kompetenzniveau haben bei allen SchülerInnen. Das heißt, ungefähr 20 bis 30 Prozent erreichen dieses Mindestmaß an Kompetenz, was ich unbedingt benötige. Das ist also nicht das Regelniveau, sondern das ist wirklich nur dieses Mindeststandardniveau, das ich benötige, um weiter lernen zu können. Und diese Anteile nehmen auch zu. Vor allem in den letzten zehn Jahren haben sie deutlich zugenommen. Und bei diesem insgesamt sinkenden Kompetenzniveau sehen wir eben auch noch, und das ist besonders besorgniserregend, dass die Leistungsschere weiter auseinander geht. Das heißt, wir sehen diese Kompetenzrückgänge vor allem bei Kindern aus weniger privilegierten Familien und auch mit einer Zuwanderungsgeschichte, also vor allem, wenn zu Hause nicht die deutsche Sprache gesprochen wird. Was wir auch sehen, vor allem aus längsschnittlichen Studien, ist, dass diese Unterschiede oder diese Bildungsungleichheiten, dass wir die häufig schon sehen, wenn die SchülerInnen zur Schule kommen. Die bestehen also oft seit dem Schuleintritt schon und möglicherweise auch schon davor. Kinder kommen unglaublich heterogen zur Schule und auch diese Unterschiede sind eben sozial ungleich verteilt und mit normalem Unterricht schafft Schule das eben nicht bis zum Ende der Primarstufe zu kompensieren.
PT: Das sind ja dramatische Zahlen, wenn mehr als ein Viertel der Kinder den Regelstandard nicht mehr erfüllen. Wie können denn Eltern und Lehrkräfte und Kitas dazu beitragen, dass diese Kompetenzen früh erworben werden? Und welche Akteure müssen noch einbezogen werden?
Henschel: Ja, also im Prinzip braucht man so ein Gesamtpaket. Wir brauchen eine frühzeitige Diagnostik, die in der Kita ansetzt, die regelmäßig stattfindet, also den Lernverlauf beobachtet, regelmäßiges Feedback bereitstellt für vor allem die Pädagogen. Das sind in der Kita eben die Erzieherinnen und Erzieher. In der Schule sind es die Lehrkräfte primär. Es sind natürlich auch Personen idealerweise aus dem Ganztagsbereich, die ja auch eine Bildungsverantwortung haben. Und dass auf Basis dieser Diagnostik dann eben eine evidenzbasierte Förderung auch stattfindet. Das ist die zweite Komponente, also Diagnostik und Förderung eng aufeinander zu beziehen, denn wir wissen eigentlich, was relativ gut funktioniert. Also wir wissen vor allem im schriftsprachlichen Bereich mit solchen Lesebandroutinen zum Beispiel, wie das in einigen Ländern etabliert ist, kann man sehr gut basale Routinen trainieren, die Leseflüssigkeit, das Dekodieren von Wörtern und Sätzen. Also diese zwei Komponenten müssen zusammenkommen und es gibt eigentlich noch eine dritte, nämlich dass das Ganze eingebettet sein muss in so ein Konzept des datengestützten Arbeitens. Also das ist eben auch ganz wichtig, dass man diese Ergebnisse aus der Diagnostik, die man ja wiederholt durchführt und dann eben auch sieht, wie erfolgreich ist das eigentlich, dass man das auf unterschiedlichen Ebenen nutzbar macht, um die Qualität von Bildungsprozessen weiterzuentwickeln. Also nicht nur die einzelne Lehrkraft für sich in ihrem Unterricht, sondern dass man auch als Schule, als Kollegium gemeinsam hinschaut, wie entwickelt sich unsere Schule vor dem Hintergrund. Und im Idealfall ist es natürlich so, dass das auch eingebettet ist in so eine Art Mehrebenenprävention. Das heißt, wir machen ein gutes Bildungsangebot erstmal für alle, qualitätsvollen Unterricht, qualitätsvolle Bildungsangebote im Kita-Bereich. Und da, wo wir durch die Diagnostik Hinweise dafür erhalten, dass mehr Unterstützung erforderlich ist, da bekommen die Kinder oder SchülerInnen das dann auch durch additive Angebote.
PT: Warum ist in diesem Kontext auch der Übergang zwischen Kita und Schule so wichtig?
Henschel: Also wir haben momentan einen sehr starken Bruch zwischen dem Kindertagesbereich oder dem Kita-Bereich und dem Schulbereich. Da zeigt die Forschung zum Beispiel auch, dass solche Tandems aus Erziehern und Lehrkräften sehr gut zusammenarbeiten können. Hier braucht man eine gemeinsame, auch geteilte Diagnostik. Es wäre sehr wichtig, dass die Kitas zum Beispiel auch eine Rückmeldung dazu erhalten, wie kommen denn ihre Kinder eigentlich in der Schule an. Haben die denn alle Voraussetzungen, bringen die denn alle Voraussetzungen im sprachlichen Bereich, im mathematischen Bereich, auch im sozial-emotionalen Bereich? Da geht es dann um Selbstregulation, solche Fähigkeiten, also zuhören können, Regeln beachten können, sprechen, wenn man gefragt wird, also Impulse kontrollieren zu können. Kommen die Kinder sozusagen mit ausreichenden Vorläuferfähigkeiten in der Schule an. Diese Rückmeldung gibt es momentan von der Schule an die Kita in der Regel nicht. Da ist ein relativ starker Bruch, wäre aber ganz wichtig für die Kitas, damit die sich auch qualitätsvoll weiterentwickeln können.
PT: Welche Rolle spielt hier auch das Elternhaus?
Henschel: Eltern haben auch eine wichtige Verantwortung. Schule kann nicht alles leisten oder auch Kita kann auch nicht dass was an Schwierigkeiten da ist, komplett durch die Institutionen kompensiert werden. Also Eltern systematisch und aktiv mit ins Boot holen, vor allem auch durch sehr niedrigschwellige Angebote. Zum Beispiel beim Einkaufen mal zählen, was man alles so in den Warenkorb legt, um eine Zahl-Mengen-Verknüpfung aufzubauen. Das ist so eine ganz wichtige, basale Fähigkeit. Oder beim Autofahren Reimwörter suchen. Das trainiert dann die phonologische Bewusstheit zum Beispiel. Das ist auch eine wichtige Vorläuferfähigkeit, die die Kinder brauchen, wenn sie eingeschult werden. Oder wenn man zu Hause was gemeinsam liest beim Vorlesen, dass man eben Fragen stellt, wenn da irgendwie ein Bild abgebildet ist und so weiter. Also wir wissen im Prinzip, was wirkt und es sind relativ einfache Maßnahmen, aber die müssen routiniert stattfinden und im Idealfall sowohl in der Bildungsinstitution als auch im Elternhaus. Und dann ist so eine dritte Komponente neben den Eltern sicherlich, dass man Netzwerke an Schulen ausbaut mit multiprofessioneller Zusammensetzung der Teams. Also multiprofessionelle Netzwerke im Gesamtsystem Schule, um hier zum Beispiel auch dieses Potenzial des Ganztags besser auszuschöpfen, also pädagogische Fachkräfte, die den Nachmittag gestalten. Die kooperieren häufig gar nicht. Selbst an gebundenen Ganztagsschulen mit den Lehrkräften, die vielleicht in ihrem Fachunterricht, im Sachunterricht, die sprachliche Bildung unterstützen durch den Unterricht, den sie machen oder wie sie da den Wortschatz fördern oder wie sie die Kinder zu sprachlichen Äußerungen motivieren. Das könnte man hervorragend auch im Ganztag fortführen, in den Nachmittagsangeboten durch projektförmiges, fachübergreifendes Arbeiten.
PT: Das sind ja ganz viele, konkrete Ansätze. Ich würde trotzdem gerne nochmal fragen, weil Sie zum Beispiel eben das Leseband kurz erwähnt haben, wo sich wahrscheinlich nicht jeder was konkret darunter vorstellen kann. Können Sie nochmal zusammenfassen, welche wissenschaftlichen Erkenntnisse es dazu gibt, wie Basiskompetenzen am besten gefördert werden können, besonders in der frühen Kindheit und in der Schule?
Henschel: Wir brauchen auf jeden Fall eine Diagnostik als Ausgangspunkt. Also wir müssen wissen, wo die Kinder stehen. Die pädagogischen Fachkräfte und die Lehrkräfte können das häufig sehr, sehr gut einschätzen, aber es ist doch trotzdem nochmal eine objektive, externe Einschätzung, die das eigene Bild bestätigt oder auch nochmal aufzeigt, wo sind denn jetzt konkrete Schwierigkeiten zum Teil auch. Und dann brauchen wir eine darauf basierte, verbindliche und vor allem auch eine evidenzbasierte Förderung. Und hier wissen wir eben zum Beispiel im sprachlichen Bereich ist es eben das dialogische Vorlesen, was sehr gut funktioniert, womit wir Vorläuferfähigkeiten im Bereich phonologischer Bewusstheit, Wortverständnis sehr gut fördern können, auch mit Reimespielen arbeiten können. Frühe mathematische Grundlagen durch ganz simple Zahl-Mengen-Verknüpfungen. Also dass man versteht als Kind drei Bauklötze. Drei, das ist eine Menge, wenn man zur Schule kommt. Also wenn man das schon mal verstanden hat, ist das ganz gut. Und genau, in der Schule hatten sie schon angesprochen, das Leseband, das ist ja im Prinzip nur so der Rahmen für viele unterschiedliche, strukturierte und häufig sehr trainingsartige Formate, die wir aber in eine Routine reinpacken können, von denen wir wissen, dass sie gut funktioniert. Und diese Lesebänder oder Lesezeiten sind im Prinzip nichts anderes, als dass man sagt, jeden Tag oder dreimal die Woche wird das häufig gemacht, immer um elf klingelt eine Glocke. Und dann haben die Kinder entweder eine freie Lesezeit, das heißt, die holen ihre Texte raus oder ihre Bücher raus und lesen für sich selber 20 Minuten. Oder aber es gibt so eine Förderformate wie die Lesetandems. Das heißt, wir haben einen starken Leser und einen schwachen Leser, die gemeinsam einen Text sich erlesen. Und wir wissen sehr gut aus der Forschung, dass das eben die Leseflüssigkeit gut stabilisiert, dass man dadurch auch einfache Verstehensstrategien aufbaut, dass man einfach diese Automatisierung, die man braucht, um keine zusätzlichen kognitiven Ressourcen für diese sehr basalen Prozesse aufzuwenden, was wir dadurch sehr gut automatisieren können.
PT: Was passiert denn genau, wenn das in der Grundschule nicht gelingt und Kinder so abgehängt werden? Welche langfristigen Folgen hat das? Und warum ist das vor allem so schwierig, diese Basiskompetenzen nachzuholen?
Henschel: Ja, also die Schwierigkeiten in den Basiskompetenzen wirken sich im Prinzip langfristig kumulativ aus. Also, wenn das Fundament nicht stabil ist, das ist wie beim Hausbauen, dann wackelt alles, was danach kommt, oder bricht sogar zusammen. Und im Bildungsbereich ist es im Prinzip so, dass Lernen in vielen Bereichen dann erstmal anstrengender wird. Lernprozesse werden ineffizienter. Das heißt, man braucht relativ viel Energie und viel Zeit, um ganz grundlegende Anforderungen zu bewältigen. Also man braucht einfach viel Zeit, um sich ein Wort zu erlesen, weil man es zum Beispiel immer noch silbenweise macht, wenn man schon in Klassenstufe 5 in der weiterführenden Schule angekommen ist. Das heißt, ich verstehe dann möglicherweise, oder ich kann noch ein einzelnes Wort entschlüsseln in einer Aufgabenstellung, aber ich verstehe den Sinn oder den Auftrag der Aufgabenstellung nicht. Und das führt natürlich dazu, dass ich in allen Fächern abgehängt werde. Relativ früh. Und das merken die Kinder auch schon relativ früh. Also es passiert natürlich auch schon in der Grundschule. Deswegen sehen wir ja diese ungünstigen Trends oder die zunehmenden Disparitäten auch schon am Ende der Grundschulzeit. Und ja, was sind die Folgen? Also man sieht das so ein bisschen auf zwei Ebenen im Prinzip. Also für den einzelnen Schüler oder die einzelne Schülerin bedeutet das natürlich erstmal, dass sie Misserfolge hat. Also Frustration beim Lernen wird größer, die Lernmotivation nimmt ab. Das kann dann führen zu negativen Emotionen beim Lernen. Nicht nur, dass man keine Freude mehr hat an einem bestimmten Fach, Mathematik zum Beispiel, sondern das kann auch dazu führen, dass man Angst gegenüber solchen Anforderungen entwickelt. Also Mathematikangst ist ganz typischerweise etwas, was wir schon im frühen Grundschulalter sehen. Das kann sich dann noch verschärfen bis hin zum Schulabsentismus und das führt natürlich langfristig dazu, dass Bildungswege eingeschränkter sind, dass Teilhabechancen eingeschränkter sind, weil man ja bestimmten Schulabschluss nicht erreicht. Und auf so einer Systemebene sehen wir eben, dass diese Ergebnisse, die wir im IQB-Bildungstrend in der Grundschule sehen, die sich auch wieder spiegeln in der Sekundarstufe 1, also am Ende der 9. Klassenstufe ist das dann. Und hier erreichen zum Beispiel weniger SchülerInnen das höchste Kompetenzniveau, den sogenannten Optimalstandard. Das heißt, wir haben eine kleiner werdende Spitzengruppe. Und gleichzeitig haben wir einen höheren Anteil von Schülern, die unter dem Mindeststandard landen. Also auch da dieses Bild, der Anteil von Schülern nimmt zu, die diese grundlegenden Kompetenzen und damit verbunden auch diese Basiskompetenzen wahrscheinlich nicht sicher beherrschen. Das führt wiederum dazu, dass wir einen höheren Anteil beobachten, jetzt nicht exorbitant, aber in der Tendenz ist es schon so, dass die ohne Schulabschluss von der Schule gehen oder mit geringeren Kompetenzen. Das wird ja auch seitens der Ausbildungsberufe immer mal wieder berichtet. Und im Endeffekt wirkt sich das natürlich auch in volkswirtschaftlicher Hinsicht aus, weil ja in einem Land wie Deutschland Bildung im Prinzip der Treiber für Innovation ist und auch Produktivität ist. Und wir im Endeffekt durch diese ungünstige Entwicklung eine geringere Fachkräftebasis haben, die zur Verfügung steht. Wir haben eine höhere Belastung von Sozialsystemen, es wirkt sich also im Endeffekt im Geld aus ist, hat monetäre Folgen, aber es hat natürlich auch gesellschaftliche Folgen, wenn eine Generation oder ein hoher Anteil einer Generation das Gefühl hat, dass man systemisch abgehängt ist, also dass man keine Aufstiegschancen mehr hat durch Bildung, dann kann das auch dazu beitragen, dass man das Vertrauen verliert in demokratische Institutionen, dass politische Polarisierung zunimmt. Solche Konsequenzen sollte man nicht unterschätzen und insofern ist es eben auch so wichtig, dass man versucht aufzuholen. Das geht natürlich. Natürlich kann man solche fehlenden Basiskompetenzen später auch erwerben, aber es ist viel aufwendiger. Das heißt, die Lösung aus meiner Sicht muss natürlich sein, dass man ganz frühzeitig und unbedingt schon im Kita-Bereich, dass man da konsequent Basiskompetenzen überprüft und auch verbindlich flächendeckend fördert.
Herzlichen Dank für diesen spannenden Einblick.