Zukunftskompetenzen - Fühlst du dich fit für die Zukunft?

5 Fragen an die Schülerinnen Sarah-Marie Röder und Lilli Schuster

die Schülerinnen Sarah-Marie Röder und Lilli Schuster auf der Bifo

Unsere Welt ist im stetigen Wandel und fordert von uns, dass wir uns permanent an diese Veränderungen anpassen. Das betrifft auch den Bildungsbereich, in dem es nur schwer gelingt alte Strukturen aufzubrechen und zukunftsgerechter zu gestalten. Wo Anpassung und wirtschaftliche Produktivität im Vordergrund stehen, muss aber auch Raum für eine individuelle und selbstbestimmte Entwicklung sein. Was braucht also gerade die jüngere Generation, um die eigene Zukunft aktiv mitgestalten zu können? Diese und weitere Fragen stelle ich heute Sarah-Marie Röder und Lilli Schuster, Schülerinnen des Stromberg-Gymnasiums in Vaihingen an der Enz.

Hier finden Sie das Interview in Schriftform

Herzlich Willkommen, ich freue mich sehr, dass wir heute miteinander sprechen. Wir starten direkt mit der ersten Frage:

PT: Was versteht ihr unter „Zukunftskompetenzen“?

Lilli: Ich verstehe unter Zukunftskompetenzen, dass man mit digitalen Medien umgehen kann und auch mit anderen Menschen kommunizieren kann.

Sarah: Für mich sind Zukunftskompetenzen Kompetenzen, die man jetzt entwickelt und in der Zukunft auch weiter gebrauchen kann. Gerade so etwas wie gute, konstruktive Kommunikation und auch Kritikfähigkeit. Wie äußere ich Kritik an anderen, wie nehme ich es an, wie gebe ich es weiter. Also klare, gute Kommunikation ist für mich DIE Zukunftskompetenz.

PT: Was ist denn mit Kompetenzen, die für euer zukünftiges Leben relevant sind, jetzt aber im Lehrplan keine große Rolle spielen. Wie finanzielle Bildung beispielsweise?

Lilli: Da habe ich Glück, weil meine Eltern sich da gut auskennen und mir helfen können. Ich sehe das schon als eine wichtige Kompetenz, die man bräuchte.

Sara: Ich sehe das so ähnlich. Mittlerweise gibt es für alles eine App, Hilfsmittel oder KI, die das für einen macht und ich glaube das wird in Zukunft weiterentwickelt. Selbst meine Mutter macht ihre Steuererklärung mittlerweile mit einer App. Also ich glaube, dass das nicht so das große Zukunftsproblem ist, weil wir immer mehr Unterstützung von außen bekommen. Ich finde zwischenmenschliche Kompetenzen werden wichtiger, die kann eine KI nicht ersetzen. Deshalb glaube ich es ist nicht so wichtig das noch in der Schule zu lernen, weil wir mittlerweile von der Technik her so weit fortgeschritten sind.

Lilli: Aber dafür müsste man dann lernen mit der KI umgehen zu können.

PT: Welche Art von Lernen motiviert euch besonders – und welche eher nicht?

Sarah: Ich finde interaktives Lernen total praktisch. Heißt Videos angucken, Bilder mit Erklärungen, von Angesicht zu Angesicht vom Lehrer etwas erklärt zu bekommen finde ich für mich einfach am besten, weil ich Nachfragen stellen kann. Was ich überhaupt nicht leiden kann ist dieses „Lest den Text durch und arbeitet es raus“. Das muss zwar manchmal sein, aber ich find´s absolut grauenhaft. Oder dieser Frontalunterricht, der Lehrer hält einen Monolog und die Schüler müssen zuhören. Schrecklich.

PT: Weil nicht so viel hängen bleibt dadurch?

Sarah: Ja, wenn ich beim ersten Satz etwas nicht verstanden habe, aber erst beim 58. Satz erst nachfragen kann, was der erste Satz überhaupt war. Bis dahin habe ich meine Frage schon wieder vergessen.

Lilli: Ich muss da auf jeden Fall zustimmen. Dieses interaktive Lernen mit dem Lehrer und auch den Schülern finde ich super angenehm. Zum Beispiel in Deutsch oder Englisch, dass man eine Szene ausspielt, so ein bissl Theater macht. Ich finde dadurch kann man auch besser verstehen, wenn man aktiv mitmacht und sich besser engagieren kann. Und ich finde auch, dass digitale Tools, wie Kahoot, oder die Arbeit mit anderen zusammen in einem Wettbewerb, mehr motiviert.

PT: Kannst du vielleicht kurz erklären wie Kahoot funktioniert?

Lilli: Das ist eine Art Quizshow würde ich sagen. Meistens ist man in Zweier- oder Dreierteams und dann kommt immer eine Frage passend zum Thema vom Lehrer ausgewählt. Das ist einfach sehr spannend.

Sarah: Ja, da haben wir endlich mal Vokabeln gelernt.

PT: Interaktives Lernen heißt für euch also nicht, dass man zwingend irgendwelche Tools einsetzt, sondern auch einfach mehr Arbeit in Kleingruppen macht und keinen Frontalunterricht.

Sarah: Ja, gerade Gruppenarbeiten sind sehr toll. Meine Deutschlehrerin macht das mit uns sehr häufig. Sie teilt die Gruppen ein und die machen dann alle das Gleiche. Dann geht einer von denen in die andere Gruppe und erzählt dort von deren Thema und dann haben wir alle innerhalb von einer halben Stunde alle die gleichen Themen abgearbeitet, aber haben zusammengearbeitet und es uns auch gegenseitig erklärt. Heißt wenn einer es nicht richtig verstanden hat, kann er die anderen aus seiner Expertengruppe fragen, dann hatten alle den gleichen Wissensstand, sind in neue Gruppen gegangen und haben denen ihr Expertenwissen beigebracht.

PT: Also Peer-Learning, das offensichtlich auch total motivierend ist. Und wenn ihr ein Fach erfinden könntet, welches wäre das?

Lilli: Es gibt es vermutlich schon, aber ich fände etwas handwerkliches oder haushaltstechnisches, also Wäsche waschen oder kochen. Kochen vor allem. Ich finde das können zu wenige. Natürlich kann man eine Tiefkühlpizza aufwärmen, aber ein Gourmet-Essen können die wenigsten wirklich zubereiten. Das fände ich spannend und auch handwerklich: nähen, stricken, sägen, bohren. Dass man Abwechslung zum Schulalltag mit sitzen und zuhören hat und was mit den Händen macht. Und dass man, wenn Zuhause ein Schrank kaputt ist, nicht sofort einen Handwerker rufen muss, sondern theoretisch einfach das selbst machen könnte, wenn es was Kleines ist.

Sarah: Ich seh das genauso. Ich finde es schade, dass es gerade an Gymnasien sowas wie Hauswirtschaftsunterricht für alle nicht mehr gibt. Und einen grundlegenden Etikettenkurs fände ich mal wichtig. Dass man weiß, wie habe ich mich richtig vorzustellen, wie esse ich richtig. So Leute wie Knigge kennt so gut wie keiner mehr und ich find´s ein bisschen schade, weil das so grundlegende Regeln sind, die sind in der Gesellschaft etabliert und sie sterben langsam aus, weil die neue Generation die gar nicht mehr kennt. Und wann werden auch diese Stereotypen aufgebrochen, weil sowohl Männlein als auch Weiblein muss diese grundlegende Etikette können.

PT: Und da seht ihr die Schule in der Pflicht, damit das flächendeckend alle lernen?

Sarah: Ja, finde ich. Viele sagen, dass das Elternsache ist, weil es unter den Aspekt Erziehung gehört, aber viele Jugendliche und Kinder haben das Problem, dass auch die Eltern das schon gar nicht mehr wissen. Gerade wenn Leute geflohen sind und jetzt hier integriert werden ist es doch schön, wenn wir verschiedene Kulturen beigebracht kriegen und auch gleichzeitig eine Grundetikette und alle dann auf dem gleichen Stand sind.

PT: Meine nächste Frage ist relativ groß: Was würdet ihr euch für eure Generation wünschen, wie Schule sich verändern sollte, um euch fit für die Zukunft zu machen?

Sarah: Ich fände es vor allem schön, wenn man auf individuelle Bedürfnisse eingeht in Zukunft. Dass man Stärken fördert, aber auch Hilfen bei Schwächen gibt. Wenn zum Beispiel jemand mit ADHS oder Legasthenie in die Schule kommt, wird das einfach unter den Teppich gekehrt oder es gibt diesen Nachteilsausgleich.

PT: Kannst du kurz erklären was das ist?

Sarah: Nachteilsausgleich bedeutet einfach ich bekomme zehn Minuten länger Zeit, das war´s. Dafür, dass ich schlechter Lesen kann, meine Rechtschreibung absolut nicht gut ist oder ich mich nicht gut konzentrieren kann, kriege ich zehn oder 15 Minuten länger Zeit um etwas auszugleichen, was ich in diesem Moment nicht ausgleichen kann. Es ist meiner Meinung nach nicht förderlich, deshalb fände ich es in Zukunft wirklich, wirklich toll, wenn eben auf einzelne Stärken und Schwächen genauer eingegangen wird. Das sind immer noch normale Kinder, die zur Schule gehen können, aber kleine Schwächen haben, die man aber mit ein bisschen extra Arbeit wegkriegt. Ich weiß, dass es möglich ist, weil ich habe selber LRS, also eine Lese-Rechtschreib-Schwäche und ich hatte das Glück, dass ich Lehrer hatte, die mir da tatsächlich geholfen haben und mir die Klausur in A5 statt A4 ausgedruckt haben. Ne A3, das ist das größere Format. Und das war einfach eine kleine Hilfe, weil ich es besser lesen konnte, weil die Buchstaben nicht mehr verschwommen sind zum Beispiel. Diese kleinen Ansätze sind das was fehlt. Es ist nicht viel, aber es hat eine riesen Wirkung.

Lilly, was wünscht du dir, wie Schule sich zukünftig verändern sollte?

Lilly: Ich finde die Einführung in digitale Medien gut, wie zum Beispiel hier in Webex. Das haben wir in der Corona-Zeit alle eingehämmert bekommen, wie man das nutzt, aber das wird ja immer wichtiger. Diese Meetings machen ja die meisten Firmen online und ich habe einfach nicht das Gefühl, dass ich weiß, wie man das startet und das lernt man auch nicht in der Schule. Da könnte man Wert darauf legen, dass man diesen Arbeitsalltag auch schon in der Schule beigebracht bekommt.

PT: Das passt gut zu meiner letzten Frage. Da würde ich nämlich gerne von euch wissen, welche Rolle spielen KI oder digitale Tools in eurem Schulalltag?

Lilly: Mein Englischlehrer zum Beispiel, der nutzt gerne die KI. Das macht der so, dass er uns sagt wir sollen einen Text zuhause schreiben und dann die KI drüberschauen lassen, damit die uns das Feedback gibt und wir nicht auf die Antwort vom Lehrer warten müssen. Ich finde das ist ziemlich praktisch und es nutzen nicht so viele Lehrer, weil die meisten sagen, KI darf man überhaupt nicht nutzen. Aber ich finde man sollte die KI wirklich in den Unterricht mit einbringen, um bessere Texte zu schreiben.

Sarah: Ich glaube auch, dass viele Lehrer uns einfach vertrauen müssen. Ich meine, wir sind jetzt in der elften Klasse. Wenn wir jetzt sagen „Chat-GPT, schreib mir mal nen Text“, dann bescheißen wir uns eigentlich nur selber. Das ist die Einstellung, die auch viele Lehrer bei uns haben, die dann sagen: Dann macht´s doch mit der KI, dann lasst euch doch helfen. Wenn wir schon die Möglichkeit haben, dann muss erstens die Lehrkraft nicht so viel korrigieren und hat mehr Zeit für den Individualunterricht, der meiner Meinung nach in letzter Zeit auch deutlich besser geworden ist in der Oberstufe. Einfach dieses „nutzt die Mittel, die ihr zur Verfügung habt“.

PT: Könnt ihr zum Schluss vielleicht noch sagen, was euer liebstes Tool ist?

Lilly: Das war, dass man der KI gesagt hat, sie soll eine wichtige, historische Person darstellen und dass man dann mit dieser Person schreiben kann. Ich fand das wirklich genial. ich weiß es war nur eine KI, aber es hat sich wirklich angefühlt, als würde man mit dieser historischen Person interagieren. Wir haben das einmal im Unterricht genutzt und das blieb richtig in meinem Kopf hängen.

Sarah: Ich glaube für mich ist es das allgemeine arbeiten mit einem Tablet. Ich schreib was auf, ich kann es in der Gegend rumschieben. Ich glaube das Digitalisieren von Aufgeschriebenem ist für mich einfacher geworden. Ich kann mehrere Sachen gleichzeitig offen haben und muss nicht mehr einen fetten Ordner mitschleppen, mit 10 Kilo Gewicht, sondern ich nehm einfach dieses kleine Brettchen mit und hab alles drauf.

PT: Ganz wichtige und vor allem auch leicht umsetzbare Punkte. Vielen Dank, das war ganz spannend, eure Perspektive zu hören!

Lilly: Ja gerne!

Sarah: Wir haben auch zu danken für diese Möglichkeit.

Unsere üblichen 5 Fragen haben wir heute ein bisschen gesprengt, das hat sich aber aus meiner Sicht sehr gelohnt, denn wann kriegt man schon mal so einen guten Einblick in die Perspektive von Schülerinnen und Schülern.  Wir freuen uns, wenn Sie das nächste Mal zuhören bei 5 Fragen an…